Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Warum Belastung krank machen kann und wie wir frühzeitig gegensteuern
- michellewunnermw
- vor 4 Tagen
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In der heutigen Zeit fühlen sich viele Menschen dauerhaft angespannt, erschöpft oder emotional überfordert. Doch warum kommt der eine Mensch mit Stress relativ gut zurecht, während der andere schneller aus dem Gleichgewicht gerät? Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell bietet eine einleuchtende Erklärung dafür – und ist eines der wichtigsten Konzepte der modernen Psychologie und Psychotherapie.
Ursprünglich stammt dieses Modell aus der Schizophrenieforschung: Es sollte erklären, warum manche Menschen trotz ähnlicher Lebensumstände eine Schizophrenie entwickeln und andere nicht. Heute wird es auf zahlreiche psychische – und auch somatische – Erkrankungen angewendet, etwa Depressionen, Angstzustände, Burnout, chronische Schmerzstörungen oder psychosomatische Beschwerden.

Was bedeutet “Vulnerabilität”?
Der Begriff Vulnerabilität bedeutet Verletzlichkeit oder Anfälligkeit. Damit ist nicht gemeint, dass jemand „schwach“ ist – sondern wie sensibel ein Nervensystem auf Stress, Belastungen oder Veränderungen reagiert.
Vulnerabilität kann beeinflusst werden durch:
genetische Faktoren
frühe Kindheitserfahrungen
Persönlichkeitsmerkmale
Bindungserfahrungen
biologische Empfindlichkeiten
fehlende oder instabile Schutzfaktoren (z. B. soziale Unterstützung)

Jeder Mensch hat seine individuelle „Grundanfälligkeit“. Manche starten mit einer robusteren inneren Basis, andere mit einer sensibleren.
Was bedeutet “Stress”?
Im Modell meint „Stress“ nicht nur beruflichen Stress oder Zeitdruck. Stress umfasst alles, was unser System herausfordert:
belastende Lebensereignisse
Dauerbelastung im Job
Konflikte in Beziehungen
Reizüberflutung
Sorgen, Ängste, Überlastung
fehlende Erholung
körperliche Erkrankungen
Es geht also um innere und äußere Belastungen, die sich summieren können.
Wenn beides zusammenkommt: Wie Überlastung entsteht
Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell sagt: Je höher die persönliche Vulnerabilität + je stärker der Stress, desto höher das Risiko für eine Krise oder Erkrankung.
Man kann sich das vorstellen wie ein Fass:
Die Vulnerabilität ist die Größe des Fasses: klein = schneller voll
Der Stress sind die Tropfen, die hineinfließen
Schützende Faktoren (Ressourcen) sind Abläufe im Fass: Stabilität, Halt, gute Beziehungen, gesunde Routinen
Wenn zu viel Stress einfließt und zu wenig Ressourcen da sind, läuft das Fass irgendwann über.

Beispiele aus dem Alltag: Wie Stress sich aufbaut
1) Jobbelastung + Perfektionismus + wenig Erholung → Erschöpfung
Person A hat eine hohe innere Belastbarkeit, aber:
sie arbeitet oft länger
sagt selten „nein“
fühlt sich verantwortlich
schläft schlecht
Dadurch steigt der Stresspegel ständig an. Obwohl sie „funktioniert“, ist ihr Nervensystem überlastet.Die Folge: Gereiztheit, Konzentrationsverlust, Schlafprobleme, irgendwann vielleicht ein Burnout.
2) Sensibles Nervensystem + Konflikte + Einsamkeit → depressive Verstimmung
Person B hat eine erhöhte Vulnerabilität, z. B. durch:
belastende frühe Erfahrungen
geringes Selbstwertgefühl
wenig soziale Unterstützung
Kommt dann ein Beziehungskonflikt oder ein Verlust hinzu, kann sich der Stress schnell verstärken.Folge: Gefühle von Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit und depressive Symptome.
3) Hoher Druck + emotionale Überforderung → psychosomatische Beschwerden
Wenn Gefühle nicht gut reguliert werden können, sucht sich der Körper oft andere Wege:
Magen-Darm-Probleme
Verspannungen
Schwindel
Kopfschmerzen
chronische Schmerzen
Der Körper zeigt, dass die Belastung zu groß geworden ist.

Wie daraus psychische oder somatische Erkrankungen entstehen können
Eine dauerhafte Stressbelastung führt dazu, dass der Körper ständig im „Alarmmodus“ läuft. Es werden Stresshormone wie Kortisol und Adrenalin ausgeschüttet. Kurzfristig ist das gesund – langfristig jedoch schädlich.
Psychische Folgen können sein:
Depression
Angststörungen
Panikattacken
Erschöpfungssyndrom
Anpassungsstörungen
Somatische (körperliche) Folgen können sein:
Herz-Kreislauf-Probleme
Bluthochdruck
Schlafstörungen
Tinnitus
Immunschwäche
Reizdarm
chronische Schmerzen
Migräne
Der Körper „spricht“, wenn die Belastung zu groß wird.
Warum das Vulnerabilitäts-Stress-Modell so wertvoll ist
Das Modell macht deutlich, dass:
niemand „schuld“ an seiner Erkrankung ist
psychische Erkrankungen auf vielen Faktoren beruhen
Stressreduktion und Ressourcenaufbau enorm wirksam sind
Beratung und Begleitung keine Schwäche, sondern Prävention sind
Menschen müssen nicht „kaputt“ sein – ihr System ist einfach überlastet. Und Überlastung ist veränderbar.
Was hilft? – Schutzfaktoren stärken
Das Modell zeigt gleichzeitig, wo man ansetzen kann:
Stress reduzieren
Selbstfürsorge stärken
gute Beziehungen pflegen
Grenzen setzen
körperliche Gesundheit stabilisieren
innere Ressourcen (Achtsamkeit, Resilienz, Selbstmitgefühl) fördern
professionelle Unterstützung suchen, bevor die Krise da ist
Diese Schutzfaktoren vergrößern sozusagen das „Fass“, sodass Stress besser verarbeitet werden kann.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell erklärt klar und einfühlsam, warum manche Menschen schneller in Krisen geraten als andere – und warum dauerhafter Stress sowohl die Psyche als auch den Körper krank machen kann. Gleichzeitig macht es Mut: Wer seine Vulnerabilität versteht, Stressquellen erkennt und Ressourcen stärkt, kann aktiv Einfluss nehmen – und sogar langfristig gesünder und stabiler werden.
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